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11. Willkommen in der Gegenwart – der Ist-Zustand

Wir starteten mit vollgepacktem Auto, machten einen kleinen Zwischenstopp bei lieben Verwandten und fuhren am nächsten Tag in die Klinik. Eingestellt waren wir auf enorme Wartezeiten, aber ich muss sagen es war alles ziemlich gut durchgetaktet und bereits nach einer halben Stunde wurden wir ins Behandlungszimmer gebeten. Die Ärztin nahm sich Zeit, stellte viele Fragen, begutachtete alles sehr vorsichtig und erklärte durchgehend was genau sie als nächstes tun würde und weshalb. Ich fühlte mich wirklich gut aufgehoben. Sie erklärte, dass die Frau Professor sich bestimmt selbst noch ein Bild machen wolle und bat uns, uns auf etwas Wartezeit einzustellen, da sie noch im OP sei. Wir gingen Kaffee trinken, guter Dinge, mit der Professorin höchst selbst hatten wir ja gar nicht mehr gerechnet.

Insgesamt mussten wir eine gute Stunde warten, die Ärztin und Assistentin entschuldigten sich für die Wartezeit und es war ihnen sichtlich unangenehm. Da waren wir ja nun viel längeres gewohnt, also versicherten wir, dass das überhaupt kein Problem sei. Schließlich kam die Frau Professor, ließ sich erneut von mir die ganze Geschichte erzählen, untersuchte mich, überlegte kurz und erklärte dann, dass sie auch der Meinung sei, es solle eine Dammrekonstruktion vorgenommen werden, sie war guter Dinge, dass man hier in der Lage sei die entsprechende OP durchzuführen. Allerdings gäbe es auch noch die Möglichkeit diese im Rahmen einer zweiten Geburt vorzunehmen, falls denn Kinderwunsch bestehe. Der Vorteil hier sei einfach der, dass zu keinem Zeitpunkt das Gewebe besser durchblutet und somit die Heilungschancen nie höher seien. Ich fiel aus allen Wolken, dies war ursprünglich ja unser erster Gedanke gewesen, aber davon wurde uns deutlich abgeraten. Sie erklärte, dass das auch das normale Vorgehen wäre, man hier aber in der Vergangenheit bereits durchaus positive Erfahrungen sammeln habe können. Allerdings würde sie dringend dazu raten, dass bei der Geburt jemand in der Einrichtung sein müsse, der eine solche beziehungsweise ähnliche Operationen bereits öfter durchgeführt habe.

Es dauerte ein bisschen bis der Groschen fiel und ich mich rückversicherte, richtig verstanden zu haben, dass ich dann quasi in Tübingen entbinden solle. Ja genau, wir würden warten wie die Schwangerschaft verläuft und je nachdem entsprechend reagieren. Kaiserschnitt oder Spontangeburt etc. würde man alles im Verlauf besprechen. Wir einigten uns darauf, dass ich darüber nachdenken würde, mich dann erneut telefonisch melden solle und wir dann das weitere Vorgehen besprechen würden.

Bereits auf dem Weg zum Auto hatten wir uns darauf geeinigt, dass die OP im Rahmen einer zweiten Geburt stattfinden sollte. Schwierig war noch der ideale Zeitpunkt um dieses Projekt zu starten, aber auch hier hatten wir uns schnell geeinigt. Meinem Freund standen Abschlussprüfungen ins Haus, diese sollten auf jeden Fall vor der Geburt abgeschlossen sein, somit verzögert sich der Projektstart noch etwas. Die Frau Professor selbst wird die OP durchführen wie sie ein paar Tage später am Telefon versicherte. Ich solle mich melden sobald es Neuigkeiten gibt und dann circa in der 28. Schwangerschaftswoche erneut in der Frauenklinik vorstellig werden.

Somit sind wir im Hier und Jetzt angelangt. Unser Projekt zweites Baby hat noch nicht gestartet. Ich bin guter Dinge, dass alles irgendwie wieder gut werden kann, meine Beschwerden habe ich selbstverständlich nach wie vor, aber allein durch die Aussicht auf diese OP ist es etwas leichter zu ertragen. Es ist mir so einleuchtend, dass die Heilungschancen viel größer sind, da die Natur unseren Körper ja wirklich wunderbar auf eine Geburt vorbereitet und uns grundsätzlich erstmal mit allem ausstattet was es braucht um dies gesund und gut durchstehen zu können. Ich hoffe sehr, dass unser Plan aufgehen wird und ich wieder gesund werde. To be continued..

 

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10. Von einem zum Nächsten – Ärzterunde

Ich merke, dass ich langsam ungeduldig werde, zum Ende der Geschichte beziehungsweise zum jetzigen Stand kommen will. Von dem her werde ich heute einiges zusammen fassen.

Die nächsten Monate verbrachte ich nämlich damit auf unterschiedliche Termine bei unterschiedlichen Ärzten zu warten. Nach dem ersten Kontrollbesuch im Juni, hatte ich zwei Wochen später einen Termin bei einer Kollegin meiner Ärztin. Schließlich stellten sie meinen Fall in der Beckenbodensupervision vor, einer fachübergreifenden Austauschrunde. Der Starproktologe der Runde, wohl deutschlandweit bekannt, wollte mich auch noch kennen lernen, doch trotz dieser Einladung seinerseits musste ich einen Monat auf einen Termin warten. Dieser war Anfang August. Ich muss festhalten, dass alle nach wie vor sehr behutsam und bemüht waren. Meine traumatischen Erlebnisse wiederholten sich nicht und ich lernte auch immer besser zu kommunizieren, dass ich schlimme Erfahrungen gemacht hatte und jeden Einzelnen darum zu bitten sehr vorsichtig zu sein. Der Proktologe meinte schließlich, seiner Meinung nach seien wir diagnostisch nun am Ende, er empfehle eine OP zu planen. Diese würde er als Dammrekonstruktion planen, denn dabei waren sich alle mittlerweile einig, dieser fehlte quasi. Doch zur Sicherheit solle während der Narkose noch genauer nach einer Fistel gesucht werden, nur um diese Option gänzlich auszuschließen. Nun kam meinem weiteren Ärzteaustausch die Sommer- somit Urlaubszeit in die Quere, bis schließlich, nach langem Warten, der Rückruf kam. Ich war nach langem Hadern mittlerweile bereit die OP zu machen, selbst wenn dies hieß nie mehr eine natürliche Geburt erleben zu können. Die Empfehlung des Proktologen sei richtig, erklärte meine Ärztin am Telefon, leider würde man hier nicht über die nötige Expertise verfügen um eine derartige OP durchzuführen. Sie würde mir raten mich in der Frauenklinik in Tübingen vorzustellen, da diese die erste Wahl für diese Thematik sei. Ich fiel aus allen Wolken, wieder einmal verzögerte sich alles, wieder einmal war ich auf etwas eingestellt und wieder einmal wurde alles zurück auf Anfang gespult…

Die Frauenklinik Tübingen hatte wirklich einen guten Ruf verriet mir Google und wir entschieden uns die vierstündige Fahrt in Kauf zu nehmen. Krankenkasse übernahm trotz Schreiben des Krankenhauses, dass sie die Überweisung empfehlen, keinerlei Fahrtkosten, geschweige denn Kosten für die Begleitperson, da ich ja noch stillte, was auch in dem Schreiben des Krankenhauses festgehalten war. Furchtbares Gespräch mit der Service Hotline, ich bin mir selten in meinem Leben so mies behandelt vorgekommen, als ob ich versuchen würde die Krankenkasse um mehrere Millionen Euro zu betrügen. Ich werde immer noch wütend wenn ich an dieses Telefonat denke.

Gut, Tübingen, ich hatte großes Glück und jemand hatte kurz zuvor einen Termin abgesagt. Dieser war Anfang Oktober und wir schafften es, mit einigem Hin und Her, alles so zu organisieren, dass auch mein Freund und Fels in der Brandung der Krankengeschichte, mitkommen konnte. Zwei Tage Urlaub, die sehr verplant sind, da er neben dem Beruf noch eine Weiterbildung macht, gingen dafür drauf. Der Krankenkasse natürlich egal… Aber ich will mich ja nicht mehr ärgern.

Die Kleine hatte mittlerweile ihre ersten Zähne, hatte gelernt sich zu drehen, konnte sogar schon krabbeln und wir stellten fest, dass sie bereits jetzt ganz genau wusste was sie will und vor allem was sie nicht will. Unsere Nächte waren immer noch, wie die vergangenen zehn Monate, sehr kurz und sie wachte in guten Nächten zweistündig, in schlechten Nächten halbstündig auf. Ich fragte mich manchmal ob das vielleicht auch mit meiner Situation, der Angespanntheit und Ungewissheit, der Wut, der Traurigkeit und so vielen anderen negativen Gefühlen, die ich manchmal einfach nicht wegschieben konnte zusammen hing, beziehungsweise hängt. Auf der anderen Seite war sie tagsüber ein absolutes Sonnenscheinchen und ich würde bestimmt nicht tauschen wollen.

Ich traute mich kaum mir erneute Hoffnungen auf ein baldiges Ende meiner Situation zu machen und blickte der Fahrt nach Tübingen eher mit einem mulmigen Gefühl entgegen.

9. warten, warten und warten – die Wartezeit

Nun sollte ich also Beckenbodentraining machen und dann würde man sehen ob dies allein oder die Durchtrennung der Hautstege schon für Besserung gesorgt haben würden. Die Physiotherapeutin , die mir von der Ärztin im Krankenhaus empfohlen worden war, war ein absoluter Glücksfall. Sie hatte sich auf den Beckenboden spezialisiert und verstand mein Problem recht schnell. Ihre Erklärung meines Problems war, dass ja nicht mehr so viel von meinem Damm übrig war, somit der kürzeste Weg für etwaige entweichende Luft, zur Scheide hin sei. Ich schämte mich immer noch sehr, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich zumindest mit Fachpersonal schon relativ ruhig darüber reden. Für mein Sozialleben, das ja auch nicht komplett auf der Strecke bleiben sollte, erwies sich das kleine Baby auf dem Schoß als Wunderwaffe, da selbst wenn ich laut pupsen musste, was leider wirklich oft passierte, jeder davon ausging, dass es das Baby war und somit musste ich mich nicht erklären. Meine Physiotherapeutin meinte sie denke, dass eigentlich niemand wirklich in der Lage sei Blähungen halten zu können. Ich dachte viel und lange darüber nach und bin aber nach wie vor der Meinung, dass mir dies früher durchaus gelungen ist. Also gut es war wie es war, das Leben musste weiter gehen. Schmerzen hatte ich zum Glück keine mehr. Sex trotzdem nicht. Wie auch? Mein Kopf kam mir zu sehr in die Quere. Mittlerweile war die Kleine schon 4 Monate alt.. Rückbildung war abgeschlossen und Babyschwimmen stand vor der Tür. Jetzt hatte ich ja Zeit und Muse mich mal mit etwas anderem zu beschäftigen. Babyfreundschaften ausbauen und pflegen stand ganz oben auf der Liste. In der Geburtsvorbereitung wurde eine WhatsApp-Gruppe eröffnet, mit dem Ziel früher oder später regelmäßige Treffen abzuhalten. Jeder hatte seine Geburtsdaten mitgeteilt und dann war lange Pause. Schließlich der erste Versuch ein Treffen zu wagen, nur Absagen. Dann der zweite, ich glaube drei Leute sagten zu, eine davon war ich. Der Tag vor dem Treffen war allerdings der, an dem die alte Frauenärztin meinte so gehöre sich das Nicht und ich solle in die Klinik gehen, also hatte ich kurzfristig abgesagt. Damit war die Sache gelaufen, es wurde kein neuer Versuch gestartet, kein reger Mami-Austausch, schade. Ich wunderte mich, denn ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass man gar nicht genug Babykontakte haben kann. Mir blieb ein Kontakt aus dieser Zeit, ein kleiner wilder Racker der einen Monat älter war als unsere Kleine. Die Mama war eine Nette und wir trafen uns regelmäßig. Sie war auch eine der Wenigen, die um meine Situation wusste. Umgekehrt wusste auch ich, dass sie sich nicht leicht tat mit der Geburt ihres Sohnes und ihrer neuen Rolle als Mama. Der kleine Racker war ziemlich flott mit motorischen Sachen und sie liebte es zu erzählen was er neues gelernt hatte und zu fragen was unsere Kleine, die eher gemütlich war, denn kann. Irgendwann stellte ich fest, dass ich tatsächlich in Konkurrenz zu ihr stand, etwas von dem ich geschworen hatte, das werde mir nie passieren. Ich weiß gar nicht mehr was es war, aber irgendeine neue Errungenschaft gab es. Vielleicht winken? Und ich freute mich diebisch darauf, dass die Kleine der Racker-Mama heute zeigen würde wie toll sie ist. Die beiden kamen, die Kleine saß in ihrer Wippe und statt zu winken erstarrte zu Stein. Schnell waren wir beim Thema und die Racker-Mama erzählte er sitze nun eigenständig und mache schon Anstalten zu krabbeln, drehen würde er sich ja sowieso schon lange und wie schaue es denn bei der Kleinen aus? Die lag mit großen Augen, ohne auch nur zu zucken in der Wippe und spielte Stein, mittlerweile bereits seit einer Stunde. Naja sitzen nicht, nein, mir war es ja auch wichtig sie nicht in eine aufrechte Position zu manövrieren bevor sie aktiv Sitzen konnte. Drehen auch nicht.. So ging das nun ein bisschen hin und her bis die Racker-Mama schließlich ganz mitleidig sagte, dass sie dafür bestimmt früher reden könne oder irgendetwas in der Art. In dem Moment wurde mir klar was hier gerade passierte, wie ich mich aus Versehen, ohne dass es mir bewusst gewesen war, auf einen kleinen Wettkampf eingelassen hatte und ich war so stolz und voller Liebe für die Kleine, die sich wohl gedacht hatte „Nein Mama so nicht“. Als ich abends dem Freund erzählte, wie ich mich gefreut hatte, endlich auch mal etwas vorführen zu können, die Kleine ein Stein geworden war und sich insgesamt zwei Stunden nicht rührte oder einen Ton von sich gab, lachte er sich schief und meinte die Kleine zeige mir schon wo es lang gehe und außerdem sei der Racker doch auch einen Monat älter.

Dennoch erschreckte es mich, wie leicht man in dieses Konkurrenzverhalten reinschlittert. Ist der Antrieb wirklich das Gewinnen wollen, das Besser sein, oder spielt vielleicht auch die Unsicherheit mit, das eigene Kind entwickelt sich vielleicht nicht altersgerecht. Ich denke meine persönliche Angst, somit auch der Grund wieso ich in Konkurrenz trat, war die, dass die Racker-Mama ‚besser‘ erzieht als ich und das obwohl ich mir so viele Gedanken über jede Kleinigkeit mache und nur das allerbeste für die Kleine will. Klar weiß ich, dass das Quatsch ist. Ich bin ja überzeugt davon, dass es nur gut sein kann, sich an den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes zu orientieren. Aber dennoch bleibt da diese leise Stimme, die mir ins Ohr flüstert, dass das andere Kind in unserer Gesellschaft besser zurecht kommt, dass es gesünder ist zuerst auf sein eigenes Wohl zu schauen, dass man es nur mit Ellbogen und Leistung zu etwas bringen kann. Vermutlich hat diese Stimme sogar recht und trifft mich daher auch so sehr, dennoch…

Astrid Lindgren sagte in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, 1978:

„Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen, ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen und wo sollte man anfangen?

Ich glaube wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.“

 

8. Abschied von der Frauenärztin – der Arztwechsel

Im Krankenhaus wurde mir noch eine gute Beckenbodenphysiotherapeutin empfohlen. Ich rief also bei meiner Frauenärztin an, es war mal wieder die furchtbare Aushilfe dran, die ich bereits in der Schwangerschaft kennenlernen durfte. Ich finde es wirklich nicht schlimm, wenn jemand chaotisch ist, sich nicht so gut auskennt, etc. aber dann sollte man auch einfach dazu stehen, im besten Falle sogar noch charmant. Aber gut, dies war hier nicht der Fall. Ich erklärte also, dass ich ein Rezept für Krankengymnastik brauchte, da im Krankenhaus empfohlen wurde Beckenbodentraining zu machen. Wieso die das dann nicht verschreiben, fragte sie. Nun bin ich ja nur Patient, aber selbst mir ist bekannt, dass Krankenhäuser keine Rezepte ausstellen dürfen. Dies erklärte ich also meiner Lieblingssprechstundenaushilfe. Achso ja gut, morgen könne ich es abholen. Ich sagte noch in welchem Krankenhaus ich gewesen war und heckte mit meinem Freund einen Plan aus, wie und wann, er das Rezept holen würde, so dass uns noch möglichst viel Zeit gemeinsam als kleine Familie bleiben würde, bevor er wieder zur Arbeit musste. Also gut, am nächsten Tag fuhr er zur Praxis und erklärte er wolle das Rezept abholen, wegen dem ich ja gestern angerufen hätte. Oh ja also, da müsse er bitte kurz warten, Frau Doktor sei noch beschäftigt. Gesagt getan, eine Dreiviertelstunde später fragte er erneut nach. Ah ja oh, also da liege kein Bericht vom Krankenhaus vor, also da wisse sie jetzt auch nicht. Ich war ja dank des guten WhatsApp auf dem neuesten Stand und konnte nicht fassen als er schrieb dass es da wohl noch mehr Schwierigkeiten gab. Also rief ich wutentbrannt an und fragte nach, ja die Situation sei die, dass da vom Krankenhaus kein Bericht vorliege und da könne man dann auch kein Rezept ausstellen, und außerdem seien sie nur noch morgen da, das wäre jetzt wirklich zu blöd. Ich fragte ob sie nicht eventuell in der Lage sei dort anzurufen und den Bericht anzufordern. Ja das sei vielleicht eine Möglichkeit. Ich hörte, dass wohl mein Freund gerade neben dem Telefon mit Frau Doktor diskutierte. Der Lieblingssprechstundenaushilfe rang ich das Versprechen ab, dass sie sie darum kümmern würde, entschuldigte mich dafür, dass sie jetzt meinen Ärger abbekommen hatte, aber dass ich ja extra tags zuvor telefonisch nachgefragt habe ob dies alles möglich sei. Wir legten auf, etwas später kam mein Freund nach Hause und erzählte wie die Geschichte weitergegangen war. Die Sprechstundenaushilfe hatte aufgelegt, und zur Frau Doktor gesagt jetzt habe sie meinen ganzen Ärger abbekommen, völlig ungerechtfertigt. Man bedenke, mein Freund stand daneben. Was tat die gute Frau Doktor? Streichelte der Lieblingssprechstundenaushilfe den Rücken und sagte, dass ihr das leid tue. Mein Freund der wirklich nicht allzu leicht aus der Fassung zu bringen ist wusste nicht mehr was er sagen sollte. Heute würde das bestimmt nicht mehr zu schaffen sein, aber morgen dann. Also zog er unverrichteter Dinge von dannen. Da ich dem ganzen und vor allem der guten Aushilfe nun gar nicht mehr traute rief ich tags darauf an und fragte ob das jetzt geklappt hätte. Gerade im Moment hätte sie meine Akte in der Hand erklärte sie. Also das Krankenhaus hätte keinerlei Bericht vorliegen, da sei nichts zu machen. Ich war sprachlos, was sollte ich jetzt dazu sagen? Ich atmete tief durch zwei Mal, drei Mal, dann fragte ich nach ob sie sicher sei, denn ich sei ja dort gewesen, also muss ja auch ein Bericht vorliegen. Nein keinen Bericht. Wieder tief durchatmen, ob denn die Frau Doktor, die ja meine Situation kenne nicht einfach das Rezept ausstellen könne aufgrund ihrer eigenen Einschätzung? Nein das gehe auf keinen Fall. Also gut, dann werde ich mir eine neue Ärztin suchen, denn ohnehin hätte ich mir im Verlauf dieser ganzen Krankheitsgeschichte eine bessere Begleitung gewünscht und das wäre nun der Tropfen der Fass zum Überlaufen gebracht hätte. Das tue ihr leid, alles Gute. Ich zitterte vor Wut als ich auflegte. Im Nachhinein habe ich mir überlegt dass sie vielleicht im Entbindungskrankenhaus angerufen hatte und nicht im Krankenhaus Nummer zwei obwohl ich dies ja erwähnte. Allerdings sogar dann hätte sie nachfragen können. Ich bekam mein Rezept völlig unproblematisch von einem Hausarzt, der allerdings der Vater einer guten Freundin ist, ärgerte mich nochmal mehr über meine ehemalige Ärztin und war froh diese Möglichkeit zu haben, denn nochmal hätte ich ungern wieder einem neuen Arzt meine Geschichte erzählen wollen. Da meine Hebamme mir schon während der Schwangerschaft durch die Blume geraten hatte die Ärztin zu wechseln, hatte ich von ihr bereits einen Alternativvorschlag und machte mir gleich einen Termin aus.

 

7. der erste Schritt zur Besserung – Schnipp Schnapp

Es fiel mir ungemein schwer nicht einfach den Kopf in den Sand zu stecken. Ich rief im Beckenbodenzentrum an, es war nach wie vor Anfang/Mitte Januar und ließ mir den ersten Termin geben den sie hatten. Dieser war Ende Mai. Also gut, waren ja nur noch gute vier Monate…  Ich rief meine Hebamme an und berichtete ihr von den Erlebnissen und Ergebnissen der letzten Tage. Sie bestand darauf, das ich nochmal im Krankenhaus Nummer Zwei, dem Nichtentbindungskrankenhaus, das mich deswegen nicht nehmen wollte, anrief. Ich solle dort sagen, dass ich im Krankenhaus Nummer Eins gewesen sei, die mich aber einfach wieder weitergeschickt hätten, beziehungsweise einen Termin Ende Mai angeboten hatten. Ich solle betonen dass es psychisch für mich nicht tragbar sei so lange zu warten. Gesagt getan, auf die Tränendrüse zu drücken gelang mir ziemlich gut, allerdings nicht weil ich auf einmal eine unglaublich überzeugende Schauspielerin geworden war, sondern weil ich tatsächlich so runter mit den Nerven war, dass ich mich außerstande sah nicht zu weinen. Es war von Erfolg gekrönt. Ich bekam einen Termin nur knappe zwei Wochen später. Und siehe da, zum ersten Mal seit der Geburt nahm man sich Zeit, machte eine ausgiebige Anamnese, die Assistenzärztin holte sofort die Oberärztin hinzu, diese versuchte zu verstehen was mein Problem war, hatte allerdings leichte Schwierigkeiten sich vorzustellen was ich erklärte. Schließlich besah sie sich das Ganze und war verblüfft, dass bisher nichts unternommen worden war. Sie sah die Löcher, meinte jetzt könne sie verstehen was ich zu erklären versucht hatte. Nachdem sie festgestellt hatte, dass man durch die Löcher durchfahren konnte, diese also tatsächlich keinerlei Kontakt zur darunterliegenden Haut hatten, sagte sie, sie wolle jetzt niemandem auf die Füße treten, es sei auch wirklich nicht immer leicht, aber das hätte schon anders versorgt werden können. Sie überlegte und erklärte, dass sie eigentlich unter einer lokalen Betäubung diese Hautstege durchschneiden würde, sie sich aber nicht sicher sei ob ich das, traumatisiert wie ich ja ohnehin schon sei, verkraften würde. Ich wechselte ein paar Blicke mit meinem Freund, dachte daran, dass meine Mutter gerade wieder einmal ein paar Tage zu Besuch war, ich könnte also ruhigen Gewissens ein paar Tage bettlägerig sein und entschied mich dafür, kurzen Prozess zu machen. Alle Beteiligten waren sehr bemüht, vorsichtig und trennten schließlich die Stege durch. Wir vereinbarten, dass ich nach drei Monaten zur Kontrolle kommen sollte. Bis dahin würde sich abgezeichnet haben ob dies bereits gereicht hätte oder eine funktionelle Störung vorliege. Außerdem empfahl sie mir während dieser Zeit Krankengymnastik zu machen, genauer gesagt Beckenbodentraining. Meine Hebamme unterstütze mich zusätzlich mit vielen Ratschlägen, Globuli und Salben. Rundum versorgt, gut betreut, ernst genommen und aufgehoben war ich guter Dinge, dass sich nun alles zum Besseren wenden würde..

Beim Rausgehen fühlte ich mich so beschwingt, so erleichtert. Es tat so gut, dass eine Ärztin mich ernst nahm, etwas getan hatte und zuversichtlich war, dass alles wieder gut werden würde. Ohne das Zureden meiner Hebamme, die ständige Unterstützung meines Freundes und die Zeit die meine Mutter bei uns verbrachte, hätte ich vermutlich nicht die Kraft gehabt es bis hierhin durchzustehen, nun aber war ich voller Energie und Zuversicht. Sämtlichen Frauen in einer ähnlichen Lage, sei es durch Geburt oder irgendeinen anderen Umstand kann ich nur raten: Schämt euch nicht, lasst euch nicht wegschicken, bleibt hartnäckig. Redet mit den Ärzten, Hebammen oder sonstigem Fachpersonal.  Es ist euer gutes Recht ernst genommen zu werden und nicht noch mehr das Gefühl zu bekommen euch und euren Körper verstecken zu müssen! Holt euch auch seelische Unterstützung, sei es im Austausch mit anderen Betroffenen, bei einem Therapeuten oder indem ihr es euch einfach von der Seele schreibt. Eine wunderbare Anleitung, einen Geburtsbericht zu verfassen, findet ihr auf Jana Friedrichs Hebammenblog.

Und keine Sorge meine Geschichte ist noch nicht am Ende angelangt..

6. auf der Wartebank – die Diagnose?

So saßen wir also bereits am nächsten Tag in der Notaufnahme meines Entbindungskrankenhauses. Erster großer Familienausflug.. Wir schirmten die Kleine, so gut es ging, vor allen Menschen im Wartebereich ab, man weiß ja nie wer aus was für Gründen dort sitzt. Sieht irgendjemand aus als ob er hochgradig ansteckend ist, fragten wir uns ein paar mal während der Wartezeit.

Meine Hebamme hatte mir geraten ich solle angeben , dass auch Stuhl in der Scheide war, das war ja nicht mal gänzlich gelogen, denn manchmal war es bräunlich schmierig, unter all dem Wochenfluss ist es wohl einfach nicht aufgefallen. Aber der hatte nun ja nachgelassen. War es immer noch bräunlich? Manchmal schon oder? Ich muss sagen manche Sachen verschwimmen in meiner Erinnerung, andere wiederum sind nach wie vor glasklar eingebrannt. Scham spielte selbstverständlich von Anfang an gehörig mit. Das war das schlimmste. Ich wusste ich konnte nichts dafür, aber ich schämte mich furchtbar. Ein großes Glück war und ist, dass mein Freund es schafft mir das Gefühl zu geben, dass ich mich nicht schämen muss. Natürlich tue ich es dennoch, aber es hilft. Ich denke die meisten von euch können sich vorstellen wie furchtbar unangenehm es ist solch einen Zustand erklären, beziehungsweise beschreiben zu müssen..

Nach zweieinhalb Stunden kamen wir an die Reihe, es war ein netter junger Arzt mit einem starken Akzent. Ich hätte eigentlich auf irgendein östliches Land , russisch oder tschechisch getippt. Der Name mutete allerdings eher spanisch oder italienisch an. Wie auch immer. Er untersuchte mich, telefonierte mit seinem Oberarzt und machte mir einen MRT-Termin aus, wegen Verdacht auf rektovaginale Fistel. Er erklärte , dass man dort ein Kontrastmittel über das Rektum spritzen beziehungsweise einführen würde. Mit den Ergebnissen sollten wir, wieder über die Notaufnahme, zu ihm kommen. Also gut, zwei Tage später auf zum MRT, Vorgespräch, es soll mir ein Kontrastmittel gespritzt werden, stillen solle ich lieber 24 Stunden nicht. Ich war sehr verblüfft, aber gut was sollte ich machen, die würden ja am Besten wissen was zu tun ist. Es wurde ein venöser Zugang gelegt und ich musste alle Metallgegenstände ablegen. Während ich in der Umkleide war, klopfte es auf einmal und eine Schwester oder Assistentin sagte sichtlich genervt, dass es ein Missverständnis gegeben habe und man nun doch eine andere Untersuchung machen würde, sie hätten gerade Rücksprache mit dem Krankenhaus gehalten nun also doch die Einlaufuntersuchung, ohne Vorgespräch. Ein junger Mann mit einer Riesenspritze voll durchsichtigem Glibber kam und erklärte ich solle mich entspannen und sagen wenn ich es nicht mehr halten konnte. Das Glibberzeug kam in meinen Po und ich sollte bei irgendeinem Signal drücken als ob ich auf dem Klo sei. Beim ersten Mal erkannte ich das Signal nicht, beim zweiten Mal konnte ich nicht loslassen, alle waren genervt. Dritter Versuch, ich strengte mich an aber mein Kopf sagte nein und leitete diesen Befehl an meinen Körper weiter. Es ging nicht. Abbruch. Die Beteiligten, besonders die ohnehin schon genervte Schwester gaben mir das Gefühl versagt zu haben, bestimmt nicht aus böser Absicht, aber sie waren noch genervter als davor und redeten eigentlich nicht mehr mit mir. Ich war verstört und geplagt von schlechtem Gewissen, weil ich es nicht über mich gebracht hatte, quasi zu kacken, während zig Menschen dabei zusahen. Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit die Besprechung, kein Befund. Damit nun zurück zur Notaufnahme. Hier mussten wir geschlagene fünf Stunden warten, da der Oberarzt im OP war und sich die Befunde auch ansehen wollte. Also gut immerhin schaltet sich der Oberarzt ein dachten wir. Als es dann endlich soweit war, kam kein Oberarzt. Der junge Arzt vom letzten Mal meinte, es sei keine Fistel zu sehen, ich solle mir einen Termin im Beckenbodenzentrum geben lassen. Ich wusste ja bereits, dass dies ziemlich lange dauern würde, also fragte ich was man den wegen den Löchern nun tun solle. Er versuchte mich abzuwimmeln, auf das Beckenbodenzentrum zu vertrösten, sagte immer wieder es sei keine Fistel, ich solle mir überlegen was heute hier wichtig ist, nämlich dass es keine Fistel sei. Als ich erklärte, dass ich aber nicht so lange auf einen Termin warten könne, da der momentane Zustand mit den Löchern, den Geräuschen nicht auszuhalten sei, verstand er nicht was ich meinte. Ich erklärte es noch einmal, malte es auf, machte den Ton nach, es war schon fast demütigend, verständnisloses Kopfschütteln, schließlich untersuchte er mich erneut und sagte nein keine Fistel zu sehen, Beckenbodenzentrum, die könnten dann weiterhelfen. Fünf Stunden für nichts… Ich habe mich so ausgeliefert, so ohnmächtig, so hilflos und so beschämt gefühlt. Ich hatte Löcher in meinem Körper wo keine sein sollten, wie konnte es sein, dass das als „normal“ abgetan wurde? Mir fehlten die Worte…

Den Ärzten ausgeliefert zu sein, sich hilflos zu fühlen, nicht ernst genommen zu werden, kennt ihr diese Gefühle auch? Habt ihr bereits solche Erfahrungen machen müssen? Habt ihr die Kraft gefunden weiter zu machen? Wenn ja woher habt ihr diese genommen?

5. irgendetwas stimmt nicht – die Bestätigung

Langsam geht es ans Eingemachte. Alles bisher war quasi Vorgeplänkel, damit ich mit dem Bloggen, der Aufarbeitung und, im besten Falle, auch der Verarbeitung warm werde. Als ich nach ungefähr vier Wochen immer noch nicht sitzen konnte, ließ ich meine Hebamme die Naht begutachten. Sie wirkte etwas verblüfft und erklärte es sei nur ein sehr kleiner Bereich, dieser sei zwar rot und an einer ungünstigen Stelle, quasi fast direkt im Schritt aber wirklich sehr klein. Sie meinte, dass manchmal Fäden ziepen, reiben oder sonst wie Probleme verursachen könnten. Falls es weiterhin nicht besser werde solle ich zum Frauenarzt gehen damit diese mir die Fäden zieht. Um nicht noch wehleidiger zu wirken als ohnehin, wartete ich tapfer weiter. Wiederum eine Woche und zwei große Fadenstücke später, erklärte ich mich einverstanden, dass mein Freund sich einmal ansehen solle wie es um mich und meine Naht stand. Es fiel mir unglaublich schwer und ich hatte wahnsinnig Angst vor Berührung, Schmerzen oder Ähnlichem. Das Nahttrauma saß wohl doch tiefer als gedacht. Also gut er fragte ob ich bereit sei und ich bejahte, spreizte meine Beine und zog alles ein wenig auseinander, damit der Blick auf die Naht oder Narbe frei war. Es war sehr lange sehr still. Dann meinte er es sei zu wenig Licht er könne es nicht genau erkennen, also sorgten wir für eine ausreichende Beleuchtung und starteten erneut. Wieder eine lange Pause. Dann räusperte er sich und sagte er könne sich nicht vorstellen, dass das so sein soll. Da wäre ein großes Loch oder vielmehr zwei, da wo eigentlich Haut sein sollte. Man könne durchleuchten. Ich verstand nicht was er mir sagte, wollte es vielleicht auch nicht verstehen. Schließlich machte er ein Foto und zeigte es mir. Da war tatsächlich ein Loch, dort wo mein Damm hätte sein sollen klaffte ein Loch in der Haut, es sah schlimm aus. Ich weinte eine Runde und als ich mich ein bisschen beruhigt hatte rief ich bei meiner Frauenärztin an um den Termin für die Abschlussuntersuchung zu machen und gleichzeitig die Löcher begutachten zu lassen. Nach meinem panischen Anruf hatte ich direkt für den nächsten Tag einen Termin bekommen und mein Freund und ich machten erstmal Bestandsaufnahme. Es fällt mir nach wie vor schwer das nun Folgende zu schreiben oder zu erzählen. Was nämlich schon ein wenig sonderbar war, wir bisher aber beide auf die Geburt, die Verletzung, die nicht abgeschlossene Heilung zurückgeführt hatten war die Tatsache, dass wenn ich pupsen musste, und das musste ich öfter als früher, die Luft mit einem unglaublich lauten Knattergeräusch aus meiner Scheide kam. Wir mutmaßten nun also, dass dies, die Löcher, vielleicht die Erklärung dafür war und bis zum Termin hatte ich noch jede Menge Zeit um erstmal ausführlich zu googeln. Ich fand einiges über schlecht verheilte Dammnähte, -risse, -schnitte, Hand in Hand mit diversen unterschiedlichen Beschwerden, wie beispielsweise Inkontinenz. Aber rein gar nichts zu meiner Problematik. Ich googelte nach löchrigen Dammnähten, nach Windabgang durch die Scheide, probierte sämtliche Begrifflichkeiten die mir in den Sinn kamen durch bis ich schließlich auf die rektovaginale Fistel stieß. Ich weinte wieder bitterlich, mein Freund nahm mir den Laptop weg und erteilte mir Googleverbot bis nach den Arzttermin. Am nächsten Tag erklärte ich nun also meiner Frauenärztin unter Tränen die Lage, sie besah sich das Ganze, redete die ganze Zeit über Grübchen und erklärte so sollte es tatsächlich nicht aussehen aber ich solle mir keine Sorgen machen. Sie würde mich jetzt noch einmal ans Krankenhaus überweisen, da sollten die das nochmals genauer besehen, da sie einfach andere Möglichkeiten der Diagnostik hätten. Der Termin war furchtbar, ich saß da, musste heulen wie ein Schlosshund und die superempathische Frau Doktor erzählte aus ihren Kliniktagen damals und wie gut ihr Chef doch gewesen sei und überhaupt wirklich eine spannende Zeit. Gut dann würde sie mich jetzt bitten noch in ihr Büro mit zu kommen. Dort angekommen wollte sie das pro Forma Verhütungsgespräch mit mir führen. Ich traute meinen Ohren nicht. Da hatte die gute Frau mir eben erklärt dass irgendetwas ganz und gar nicht stimme, ich saß da in Tränen aufgelöst und sie fragte knallhart wie wir uns das mit der Verhütung denn jetzt vorstellen. Ich schluchzte dass wir daran jetzt bestimmt erstmal noch eine ganze Weile nicht denken würden. Das wäre aber schon wichtig leierte sie ihren Standardtext runter. Selten in meinem Leben habe ich mich so wenig aufeghoben und verstanden gefühlt. Also gut, heim, Krankenhaus angerufen, es war Anfang oder Mitte Januar, naja gut sie könnten mir im Mai einen Termin anbieten. Geweint, Hebamme angerufen, sie meinte ich solle nochmals anrufen und sagen ich würde das psychisch nicht so lange aushalten, bräuchte einen Notfalltermin, ansonsten im anderen Krankenhaus anrufen und mir dort einen Termin geben lassen. Kein Notfalltermin möglich, geweint, anderes Krankenhaus angerufen, die wollten mich nicht nehmen, da ich nicht bei ihnen entbunden hatte und sowas wird dann wohl nur sehr ungerne gemacht. Wieder geweint, schließlich dazu entschieden im Entbindungskrankenhaus über die Notaufnahme zu gehen. Furchtbar anstrengend! Sogar jetzt im Nachhinein, allein das Schreiben macht mich wieder ganz müde und erschöpft. Ungefähr zu dieser Zeit hat die Kleine das erste Mal gelächelt, das hat Vieles wieder gut gemacht! Fortsetzung folgt…

4. die ersten Tage mit Baby – endlich Daheim

Endlich zu Hause angekommen blieb noch das Problem der fehlenden Milch. Natürlich ist Stress Gift für die Milchproduktion aber wie so oft wird genau der dadurch noch größer. Zum Glück hatte ich aber ein wunderbare Hebamme, die mich ja bereits treu durch die Schwangerschaft begleitet hatte und die wirklich in der Lage war mich wieder zuversichtlich zu stimmen. Sie war so überzeugt dass es früher oder später mit dem Stillen klappen würde und stellte gar nicht zur Debatte, dass es eventuell nicht klappen könnte. Im schlimmsten Fall meinte sie solle ich mir einfach ein Bier aufmachen, das regt die Milchproduktion auch an. Dazu kam es gar nicht denn tadaaa sobald ich Zutrauen gefasst hatte verwandelte sich mein Körper in ein Babyschlaraffenland und sprudelte fröhlich Milch heraus, sobald meine Kleine Raupe Nimmersatt danach verlangte. Die wunden Brustwarzen waren zwar schnell vergessen, aber dennoch hier ein Tipp an alle frischgebackenen Mamas die Clustern müssen was das Zeug hält: ich bin der Meinung dass es auch ohne blutige Brustwarzen klappen kann, lasst euch nicht verunsichern und hört auf eure Intuition.

Die Schmerzen meiner Dammnaht wurden nur unmerklich weniger. Glücklicherweise hatte meine Mutter eine Woche Urlaub und konnte uns während dieser ersten Phase unterstützen. Meine Heilung erfolgte in Zeitlupe und sämtliche Tipps egal ob von der Hebamme oder ergoogelt schafften nur wenig bis gar keine Linderung. Ich rechnete in Tablettenzeit, von einer Ibu zur nächsten bis meine Hebamme meinte ich solle lieber auf Globuli umsteigen, da ich sowieso das Gefühl hatte keinen wirklichen Effekt zu spüren. Also ließ ich nach und nach die Schmerztabletten weg, es war wirklich weder schlimmer noch besser. Aber dies war nur die eine Seite. Auf der anderen Seite gab es ja noch die Kleine, das schönste Baby der Welt, mit vielen dunklen Haaren und großen dunkelgrauen Augen, so klein und winzig, so hilflos und auf uns angewiesen. Jedes Mal wenn ich sie betrachtete schmolz ich nur so dahin. Wie kann es Menschen geben, die ihre Babys misshandeln? Was in aller Welt muss da alles schief gegangen sein? Jede Bewegung, jedes Geräusch dieses kleinen Wesens, war besser, aufregender und spannender als jeder Kinofilm für uns. Bereits ein paar Tage nach der Geburt war es mir unbegreiflich, wie dieses kleine Würmchen jemals Platz in meinem Bauch gefunden haben konnte. Nach wie vor empfinde ich alles rund um Schwangerschaft, Geburt und Wachsen als Wunder. Was unser Körper alles bewerkstelligen muss, was für komplexe  Prozesse stattfinden, ein kleines Menschlein wächst in mir heran, wird geboren und entwickelt sich zu einem eigenständigen, denkenden, fühlenden Menschen. Wahnsinn, ein Wunder, nicht wahr?

Das Wochenbett war für mich die erste Zeit im wahrsten Sinne des Wortes ein WochenBETT, aufstehen vermied ich wo ich konnte und langweilig wurde mir dank der Kleinen auch nicht. Nach und nach war ich sogar wieder in der Lage ein wenig durch die Wohnung zu tippeln. Die guten Arnikaglobuli hatten wahre Wunder gewirkt und die Zeit vielleicht auch ein wenig dazu beigetragen, ich war euphorisch und glücklich und dachte jetzt ist es absehbar und bald bin ich wiederhergestellt. Wie ihr vermutlich schon erraten konntet war dem selbstverständlich nicht so, sonst wäre dies ein ziemlich kurzer Blog 😉

3. drei furchtbar lange Tage – der Krankenhausaufenthalt

Nach der Geburt blieb ich drei Tage im Krankenhaus. Mein Dammriss 2. Grades machte mir schwer zu schaffen.Das Aufstehen war eine Tortur, ich hatte extreme Schmerzen und tat mir selber leid. Aus diversen Erzählungen wusste ich, dass andere einen Dammriss oder gar schlimmeres um einiges besser verkraftetet hatten als ich nun. Aber gut so war das eben, ich biss die Zähne zusammen und nahm mir vor nun zu lernen besser mit Schmerzen umgehen zu können. Zu alledem stellte sich die Kleine als sehr energisch heraus und hielt die ganze Station wach und auf Trab. Die Schwestern, ohnehin arg im Stress, waren genervt und fütterten schließlich – wohlgemerkt im stillfreundlichen Krankenhaus – zu, da das Baby offenkundig am verhungern sein müsse.. Somit war ich also nicht nur ein Weichei das schlecht mit Schmerzen fertig wurde, sondern war außerdem nicht in der Lage mein eigen Fleisch und Blut zu ernähren. Zum Glück hatte ich im Vorfeld viel gelesen und gefragt und wusste somit, dass es bis zum Milcheinschuss einige Zeit dauern konnte, daher traf mich die Kritik der Schwestern nicht ganz so massiv. Der Aufenthalt im Krankenhaus konnte meines Erachtens gar nicht schnell genug beendet werden. Meine Doppelzimmernachbarin, selbst eine frischgebackene Mama die ihren Schlaf bitter nötig hatte war auch nicht über die Maßen erfreut, dass meine Kleine bereits mit ein paar Stunden so laut sein konnte wie andere mit 2 Jahren. Einmal kamen ein paar Ärzte zur Visite vorbei, ich erklärte furchtbare Schmerzen zu haben, bekam gnädigerweise ein paar Ibus aufgeschrieben und damit waren die Besucher wieder verschwunden. Schließlich Tag drei, Tag der Entlassung, ich war immer noch kaum in der Lage selbstständig auf die Toilette zu gehen oder auch nur das Bett zu verlassen. Eine Schwester erklärte sie werde mir rechtzeitig, mindestens eine halbe Stunde vor der Abschlussuntersuchung Bescheid geben. Also legte ich mich nochmals hin bis eine andere Schwester kam und sagte, dass die Untersuchung jetzt stattfinden würde, die Ärztin warte schon, ich solle mich beeilen, damit sauste sie wieder weiter. Ich mühte mich unter Schmerzen aus dem Bett und versuchte mich einigermaßen anzuziehen, konnte nur einen Hausschuh finden, na gut blieb der andere eben sockig, schnappte das Baby und tippelte in schwankenden Ameisenschritten aus dem Zimmer. Ich muss ausgesehen haben wie frisch aus einer Zombieserie. Seit drei Tagen hatte ich meine Haare nicht angerührt, Schlabberhose an, ein Hausschuh, Bluse vermutlich auch noch falsch zugeknöpft und extrem komisch anmutende Art mich fortzubewegen. Die Abschlussuntersuchung war kurz und nicht schmerzlos, aber damit hatte ja sowieso keiner gerechnet. Alles sei soweit in Ordnung, daheim in 6-8Wochen beim Frauenarzt vorstellen bitte. Damit war nun mein Krankenhausaufenthalt glücklicherweise beendet und ein neuer Lebensabschnitt wartete auf uns. Wir kamen zu zweit und gingen zu dritt 🙂

2. der lange Weg ins Krankenhaus – die Geburt

In meinem letzten Beitrag bin ich ja bereits bis zum Blasensprung mit der Erzählung vorangekommen. Da lag ich also zitternd vor Aufregung und Kälte im Bett, um mich herum ein großer Fruchtwassersee. Mein Freund wartete unten auf den Krankenwagen und kam schließlich in Begleitung zweier kleiner, zarter, um nicht zu sagen schmächtiger Mädels zurück. Die ältere der beiden Damen fragte mich ein paar Sachen an die ich mich mittlerweile nicht mehr erinnern kann und meinte dann sie würden jetzt den Stuhl holen. Ein wenig verunsichert merkte ich an, dass das Baby noch nicht fest im Becken sei und uns gesagt wurde das hieße, im Falle eines Blasensprungs, Liegendtransport. Nein, nein, das gehe genau so gut mit dem Stuhl, Hauptsache ich würde nicht laufen, meinte sie. Also gut, die beiden Fliegengewichte kamen also tatsächlich mit einer Vorrichtung zurück die aussah wie ein Stuhl der auf einer Bahre montiert war. Sie hievten mich auf dieses Konstrukt, ich kam mir ein wenig vor wie eine Königin in einer Mittelalterserie die auf ihrer Sänfte umhergetragen wird. Allerdings nur die ersten zwei bis drei Meter lang, danach überkam mich Grauen und Entsetzen. Meine beiden Rettungsdamen schaukelten bereits auf dem Flur massiv und ächzten unter meinem hochschwangeren Kampfgewicht von beinahe 90 Kilos. Das beste, die Treppe, stand uns aber noch bevor. An der Tür machten wir also noch einen Stopp und die Wortführerin der Zwei drückte mir meine Tasche in die Hand und erklärte ich dürfe mich jetzt bitte nur an dieser festhalten wenn wir uns nun an den Abstieg machen würden. Ganz egal wie sehr sie schwanken oder schaukeln würden, keinesfalls am Geländer oder sonst wo festhalten, denn dann würden sie tatsächlich die Kontrolle verlieren. Nach dieser ermutigenden Ansprache stiefelten die Mädels los und klammerte mich an meine Tasche. Es war entsetzlich, schlimmer als Achter- und Geisterbahn zusammen. Dennoch bewältigten die zwei tapferen Johanniterinnen die Treppen im Haus und machten vor der Türe erstmal Pause um wieder zu Atem zu kommen. Draußen wartete allerdings eine noch viel größere und vor allem steilere Treppe auf uns. Panisch erklärte ich, dass es gar kein Problem sei zu laufen, doch die Ältere meinte unter gar keinen Umständen könne sie dafür die Verantwortung übernehmen und wies ihre Kollegin an keine Pausen zu machen außer auf der kleinen Plattform, die sich auf halber Strecke befand, da sie sonst nicht in der Lage sei das Gewicht zu halten. Diese Aussage fegte auch mein letztes bisschen Gelassenheit auf und davon. Ich kniff die Augen zu, klammerte mich an meine Tasche und schickte Stoßgebete an sämtliche Gottheiten, das Universum oder was auch immer sich sonst noch in irgendeiner Art und Weise schützend einschalten konnte. Sie wackelten die erste Stufe hinab, wurden langsamer, schaukelten hin und her, die zweite Stufe und… die Hintere musste absetzen. Die Vordere stieß zwischen zusammen gepressten Zähnen ein „nicht absetzen“ hervor ich erstarrte noch mehr zur Salzsäule als ohnehin schon. So standen beziehungsweise saßen wir da als endlich mein Freund, der vorher noch mit meinem Koffer beschäftigt war sich einschaltete und sagte er könne das wirklich nicht mit ansehen und werde jetzt selbst übernehmen anstelle der Hinteren, der Jüngeren. Gesagt getan. So wurde ich die restlichen Stufen von meinem fürsorglichen auch ziemlich ins Schwitzen kommenden Freund und der Älteren, ganz schön starken Sanitäterin hinabgetragen und in den Krankenwagen befördert. Allein die Tatsache, dass sie wirklich einem unausgebildeten Menschen gestatteten zu helfen zeigt wie überfordert die beiden Damen waren. Was ja auch verständlich ist wenn man bedenkt, dass sie beide zusammen höchstens soviel wogen wie ich allein. Aber wozu gibt man denn dann am Telefon Sachen wie Stockwerke an, wenn die guten Menschen die die Einsätze planen einfach zwei kleine Mädels zu einer hochschwangeren im zweiten Stock schicken? Wie auch immer hatte dieses Abenteuer auch meine Retterinnen so aus dem Konzept gebracht, dass sie glatt vergessen hatten uns im Krankenhaus anzumelden. Dort angekommen wurde ich in einen Rollstuhl verlagert, dankte im Stillen wem oder was auch immer dafür, endlich in Sicherheit zu sein. Wir verfuhren uns nun noch ein wenig auf dem Weg zum Kreißsaal, was ich aber bereits zu diesem Zeitpunkt, vermutlich auch wegen meiner adrenalingeschuldeten Euphorie, ziemlich lustig fand. Wir wurden von einer Hebamme in Empfang genommen die ziemlich barsch fragte was das denn soll. Die Ältere setzte an zu erklären, dass ich einen vorzeitigen Blasensprung hatte, an dieser Stelle fuhr die Hebamme bereits dazwischen: „der Kopf ist fest im Becken?“ „Nein der ist noch beweglich.“ antwortete die starke Johanniterin frohgemut. „Was soll das dann?“ fragte die Hebamme und machte eine Geste in meine Richtung, „da hätte sie sich ja auch selbst ins Auto setzen können und herfahren. Liegendtransport. Wir machen sofort einen Ultraschall und …“ den Rest nahm ich nicht mehr wahr, da mir bewusst wurde, dass die furchtbare Stuhlschaukelei vielleicht tatsächlich furchtbare Konsequenzen gehabt hatte. Mir fiel auf, dass das Baby sich bereits geraume Zeit nur noch schwach geregt hatte, die Euphorie war verflogen und wurde erneut von blankem Entsetzen abgelöst. Die Hebamme beruhigte mich schnell und wir machten sofort die nötigen Untersuchungen. Alles war gut. Das Baby bei bester Gesundheit. Mittlerweile war es ungefähr halb fünf und da immer noch keine Wehen eingesetzt hatten, sollte ich mich noch einmal hinlegen, mein Freund nochmals heimfahren und in der Früh sehe man weiter. Es war zwar nicht schön nochmal allein sein zu müssen und vor allem weiter zu warten nach dieser ganzen Aufregung, dennoch schlief ich bald ein und morgens setzten tatsächlich von alleine die Wehen ein, wurden schnell stärker und um viertel vor elf betraten wir den Kreißsaal um zu bleiben. Für die Profis unter euch oder die, die es genau wissen wollen, Muttermund 3cm, die Hebamme verfrachtete mich in die Wanne zur Schmerzlinderung. Meine Erinnerungen sind sehr verschwommen aber ich kann noch nicht so lange drin gelegen Hand in Handhaben, als mein Freund erneut nach der Hebamme klingelte, da ich ihm mitgeteilt habe ich hätte das Bedürfnis zu pressen. Muttermund 9cm. Die Hebamme sagte „oh eine kleine Rakete“ und fragte ob ich mir denn eine Wassergeburt vorstellen könne, da wir es jetzt eigentlich nicht mehr rausschaffen würden. Da ich sowieso damit geliebäugelt hatte war dies völlig in Ordnung. An dieser Stelle mache ich einen kleinen Zeitsprung und nachdem unsere wunderbare Tochter geboren wurde, ich sie kurz halten durfte und in unsagbarer Glückseligkeit, zwischen den Welten schwebte, musste ich schließlich aus der Wanne steigen und mein Freund durfte zum ersten Mal sein Baby halten. Während dieser rührenden Annäherung wurde bei mir mit der Wundversorgung gestartet und diese Prozedur ist mir als mindestens genauso schmerzhaft wie die Geburt in Erinnerung. Außerdem hatten die Hebamme und die Ärztin irgendwelche Querelen miteinander was den Umgang der Ärztin mit Nadel, Faden und meinen sehr intimen, geschundenen Körperregionen nicht gerade behutsamer machte. Es war eine Tortur, dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit und ich hatte nicht das Gefühl dass die lokale Betäubung oder das Lachgas auf irgendeine Art und Weise meine Schmerzen abmilderten. Dazu ständig die harsche, kaltschnäuzige Anweisung ich solle mich entspannen. Dann wieder ein gebelltes „Jetzt halten sie still!“ Gefolgt von einem „Rutschen sie nach vorne, ich brauch sie weiter vorne!“ Ich fühlte mich schrecklich, hatte das Gefühl den Anweisungen der Ärztin nicht folgen zu können, alles falsch zu machen und zu empfindlich zu sein, es ging so weit, dass ich mich am Ende tatsächlich dafür entschuldigte Schmerzen gehabt und der Ärztin somit die Arbeit erschwert zu haben. Endlich war auch das vorbei und ich durfte mich ganz und gar meinem Mutterglück hingeben. Es fällt mir schwer dieses Glücksgefühl in Worte zu fassen. Annähernd trifft es aber Reinhard Mey in seinem Lied „die erste Stunde“ (einfach auf den Titel klicken). Ein schöneres Ende diesen Beitrages kann es ja kaum geben 🙂