9. warten, warten und warten – die Wartezeit

Nun sollte ich also Beckenbodentraining machen und dann würde man sehen ob dies allein oder die Durchtrennung der Hautstege schon für Besserung gesorgt haben würden. Die Physiotherapeutin , die mir von der Ärztin im Krankenhaus empfohlen worden war, war ein absoluter Glücksfall. Sie hatte sich auf den Beckenboden spezialisiert und verstand mein Problem recht schnell. Ihre Erklärung meines Problems war, dass ja nicht mehr so viel von meinem Damm übrig war, somit der kürzeste Weg für etwaige entweichende Luft, zur Scheide hin sei. Ich schämte mich immer noch sehr, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich zumindest mit Fachpersonal schon relativ ruhig darüber reden. Für mein Sozialleben, das ja auch nicht komplett auf der Strecke bleiben sollte, erwies sich das kleine Baby auf dem Schoß als Wunderwaffe, da selbst wenn ich laut pupsen musste, was leider wirklich oft passierte, jeder davon ausging, dass es das Baby war und somit musste ich mich nicht erklären. Meine Physiotherapeutin meinte sie denke, dass eigentlich niemand wirklich in der Lage sei Blähungen halten zu können. Ich dachte viel und lange darüber nach und bin aber nach wie vor der Meinung, dass mir dies früher durchaus gelungen ist. Also gut es war wie es war, das Leben musste weiter gehen. Schmerzen hatte ich zum Glück keine mehr. Sex trotzdem nicht. Wie auch? Mein Kopf kam mir zu sehr in die Quere. Mittlerweile war die Kleine schon 4 Monate alt.. Rückbildung war abgeschlossen und Babyschwimmen stand vor der Tür. Jetzt hatte ich ja Zeit und Muse mich mal mit etwas anderem zu beschäftigen. Babyfreundschaften ausbauen und pflegen stand ganz oben auf der Liste. In der Geburtsvorbereitung wurde eine WhatsApp-Gruppe eröffnet, mit dem Ziel früher oder später regelmäßige Treffen abzuhalten. Jeder hatte seine Geburtsdaten mitgeteilt und dann war lange Pause. Schließlich der erste Versuch ein Treffen zu wagen, nur Absagen. Dann der zweite, ich glaube drei Leute sagten zu, eine davon war ich. Der Tag vor dem Treffen war allerdings der, an dem die alte Frauenärztin meinte so gehöre sich das Nicht und ich solle in die Klinik gehen, also hatte ich kurzfristig abgesagt. Damit war die Sache gelaufen, es wurde kein neuer Versuch gestartet, kein reger Mami-Austausch, schade. Ich wunderte mich, denn ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass man gar nicht genug Babykontakte haben kann. Mir blieb ein Kontakt aus dieser Zeit, ein kleiner wilder Racker der einen Monat älter war als unsere Kleine. Die Mama war eine Nette und wir trafen uns regelmäßig. Sie war auch eine der Wenigen, die um meine Situation wusste. Umgekehrt wusste auch ich, dass sie sich nicht leicht tat mit der Geburt ihres Sohnes und ihrer neuen Rolle als Mama. Der kleine Racker war ziemlich flott mit motorischen Sachen und sie liebte es zu erzählen was er neues gelernt hatte und zu fragen was unsere Kleine, die eher gemütlich war, denn kann. Irgendwann stellte ich fest, dass ich tatsächlich in Konkurrenz zu ihr stand, etwas von dem ich geschworen hatte, das werde mir nie passieren. Ich weiß gar nicht mehr was es war, aber irgendeine neue Errungenschaft gab es. Vielleicht winken? Und ich freute mich diebisch darauf, dass die Kleine der Racker-Mama heute zeigen würde wie toll sie ist. Die beiden kamen, die Kleine saß in ihrer Wippe und statt zu winken erstarrte zu Stein. Schnell waren wir beim Thema und die Racker-Mama erzählte er sitze nun eigenständig und mache schon Anstalten zu krabbeln, drehen würde er sich ja sowieso schon lange und wie schaue es denn bei der Kleinen aus? Die lag mit großen Augen, ohne auch nur zu zucken in der Wippe und spielte Stein, mittlerweile bereits seit einer Stunde. Naja sitzen nicht, nein, mir war es ja auch wichtig sie nicht in eine aufrechte Position zu manövrieren bevor sie aktiv Sitzen konnte. Drehen auch nicht.. So ging das nun ein bisschen hin und her bis die Racker-Mama schließlich ganz mitleidig sagte, dass sie dafür bestimmt früher reden könne oder irgendetwas in der Art. In dem Moment wurde mir klar was hier gerade passierte, wie ich mich aus Versehen, ohne dass es mir bewusst gewesen war, auf einen kleinen Wettkampf eingelassen hatte und ich war so stolz und voller Liebe für die Kleine, die sich wohl gedacht hatte „Nein Mama so nicht“. Als ich abends dem Freund erzählte, wie ich mich gefreut hatte, endlich auch mal etwas vorführen zu können, die Kleine ein Stein geworden war und sich insgesamt zwei Stunden nicht rührte oder einen Ton von sich gab, lachte er sich schief und meinte die Kleine zeige mir schon wo es lang gehe und außerdem sei der Racker doch auch einen Monat älter.

Dennoch erschreckte es mich, wie leicht man in dieses Konkurrenzverhalten reinschlittert. Ist der Antrieb wirklich das Gewinnen wollen, das Besser sein, oder spielt vielleicht auch die Unsicherheit mit, das eigene Kind entwickelt sich vielleicht nicht altersgerecht. Ich denke meine persönliche Angst, somit auch der Grund wieso ich in Konkurrenz trat, war die, dass die Racker-Mama ‚besser‘ erzieht als ich und das obwohl ich mir so viele Gedanken über jede Kleinigkeit mache und nur das allerbeste für die Kleine will. Klar weiß ich, dass das Quatsch ist. Ich bin ja überzeugt davon, dass es nur gut sein kann, sich an den Bedürfnissen und Wünschen des Kindes zu orientieren. Aber dennoch bleibt da diese leise Stimme, die mir ins Ohr flüstert, dass das andere Kind in unserer Gesellschaft besser zurecht kommt, dass es gesünder ist zuerst auf sein eigenes Wohl zu schauen, dass man es nur mit Ellbogen und Leistung zu etwas bringen kann. Vermutlich hat diese Stimme sogar recht und trifft mich daher auch so sehr, dennoch…

Astrid Lindgren sagte in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, 1978:

„Müssen wir uns nach diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen, ob der Mensch nicht vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind wir unserer Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen und wo sollte man anfangen?

Ich glaube wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.“

 

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