6. auf der Wartebank – die Diagnose?

So saßen wir also bereits am nächsten Tag in der Notaufnahme meines Entbindungskrankenhauses. Erster großer Familienausflug.. Wir schirmten die Kleine, so gut es ging, vor allen Menschen im Wartebereich ab, man weiß ja nie wer aus was für Gründen dort sitzt. Sieht irgendjemand aus als ob er hochgradig ansteckend ist, fragten wir uns ein paar mal während der Wartezeit.

Meine Hebamme hatte mir geraten ich solle angeben , dass auch Stuhl in der Scheide war, das war ja nicht mal gänzlich gelogen, denn manchmal war es bräunlich schmierig, unter all dem Wochenfluss ist es wohl einfach nicht aufgefallen. Aber der hatte nun ja nachgelassen. War es immer noch bräunlich? Manchmal schon oder? Ich muss sagen manche Sachen verschwimmen in meiner Erinnerung, andere wiederum sind nach wie vor glasklar eingebrannt. Scham spielte selbstverständlich von Anfang an gehörig mit. Das war das schlimmste. Ich wusste ich konnte nichts dafür, aber ich schämte mich furchtbar. Ein großes Glück war und ist, dass mein Freund es schafft mir das Gefühl zu geben, dass ich mich nicht schämen muss. Natürlich tue ich es dennoch, aber es hilft. Ich denke die meisten von euch können sich vorstellen wie furchtbar unangenehm es ist solch einen Zustand erklären, beziehungsweise beschreiben zu müssen..

Nach zweieinhalb Stunden kamen wir an die Reihe, es war ein netter junger Arzt mit einem starken Akzent. Ich hätte eigentlich auf irgendein östliches Land , russisch oder tschechisch getippt. Der Name mutete allerdings eher spanisch oder italienisch an. Wie auch immer. Er untersuchte mich, telefonierte mit seinem Oberarzt und machte mir einen MRT-Termin aus, wegen Verdacht auf rektovaginale Fistel. Er erklärte , dass man dort ein Kontrastmittel über das Rektum spritzen beziehungsweise einführen würde. Mit den Ergebnissen sollten wir, wieder über die Notaufnahme, zu ihm kommen. Also gut, zwei Tage später auf zum MRT, Vorgespräch, es soll mir ein Kontrastmittel gespritzt werden, stillen solle ich lieber 24 Stunden nicht. Ich war sehr verblüfft, aber gut was sollte ich machen, die würden ja am Besten wissen was zu tun ist. Es wurde ein venöser Zugang gelegt und ich musste alle Metallgegenstände ablegen. Während ich in der Umkleide war, klopfte es auf einmal und eine Schwester oder Assistentin sagte sichtlich genervt, dass es ein Missverständnis gegeben habe und man nun doch eine andere Untersuchung machen würde, sie hätten gerade Rücksprache mit dem Krankenhaus gehalten nun also doch die Einlaufuntersuchung, ohne Vorgespräch. Ein junger Mann mit einer Riesenspritze voll durchsichtigem Glibber kam und erklärte ich solle mich entspannen und sagen wenn ich es nicht mehr halten konnte. Das Glibberzeug kam in meinen Po und ich sollte bei irgendeinem Signal drücken als ob ich auf dem Klo sei. Beim ersten Mal erkannte ich das Signal nicht, beim zweiten Mal konnte ich nicht loslassen, alle waren genervt. Dritter Versuch, ich strengte mich an aber mein Kopf sagte nein und leitete diesen Befehl an meinen Körper weiter. Es ging nicht. Abbruch. Die Beteiligten, besonders die ohnehin schon genervte Schwester gaben mir das Gefühl versagt zu haben, bestimmt nicht aus böser Absicht, aber sie waren noch genervter als davor und redeten eigentlich nicht mehr mit mir. Ich war verstört und geplagt von schlechtem Gewissen, weil ich es nicht über mich gebracht hatte, quasi zu kacken, während zig Menschen dabei zusahen. Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit die Besprechung, kein Befund. Damit nun zurück zur Notaufnahme. Hier mussten wir geschlagene fünf Stunden warten, da der Oberarzt im OP war und sich die Befunde auch ansehen wollte. Also gut immerhin schaltet sich der Oberarzt ein dachten wir. Als es dann endlich soweit war, kam kein Oberarzt. Der junge Arzt vom letzten Mal meinte, es sei keine Fistel zu sehen, ich solle mir einen Termin im Beckenbodenzentrum geben lassen. Ich wusste ja bereits, dass dies ziemlich lange dauern würde, also fragte ich was man den wegen den Löchern nun tun solle. Er versuchte mich abzuwimmeln, auf das Beckenbodenzentrum zu vertrösten, sagte immer wieder es sei keine Fistel, ich solle mir überlegen was heute hier wichtig ist, nämlich dass es keine Fistel sei. Als ich erklärte, dass ich aber nicht so lange auf einen Termin warten könne, da der momentane Zustand mit den Löchern, den Geräuschen nicht auszuhalten sei, verstand er nicht was ich meinte. Ich erklärte es noch einmal, malte es auf, machte den Ton nach, es war schon fast demütigend, verständnisloses Kopfschütteln, schließlich untersuchte er mich erneut und sagte nein keine Fistel zu sehen, Beckenbodenzentrum, die könnten dann weiterhelfen. Fünf Stunden für nichts… Ich habe mich so ausgeliefert, so ohnmächtig, so hilflos und so beschämt gefühlt. Ich hatte Löcher in meinem Körper wo keine sein sollten, wie konnte es sein, dass das als „normal“ abgetan wurde? Mir fehlten die Worte…

Den Ärzten ausgeliefert zu sein, sich hilflos zu fühlen, nicht ernst genommen zu werden, kennt ihr diese Gefühle auch? Habt ihr bereits solche Erfahrungen machen müssen? Habt ihr die Kraft gefunden weiter zu machen? Wenn ja woher habt ihr diese genommen?

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4 Antworten auf „6. auf der Wartebank – die Diagnose?

  1. Ich kann was das ausgeliefert und beschämt sein angeht sehr stark nachfühlen. Am Anfang meiner Schwangerschaft (in den ersten 12 Wochen) hatte och starke Blutungen und wurde gant mies im Krankenhaus behandelt. Bis heute kommen mir bei der Erinnerung die Tränen. Leider hatte ich auch die Entbindung in diesem Krankenhaus und meine Beschwerden nach der Geburt wurden nicht ernst genommen, ich wurde sogar „nach einem unauffälligen Verlauf“ entlassen. Ich finde es furchtbar dass man so vertröstet und abgewimmelt wird, dass nicht auf Patienten eingegangen wird. Es tut mir leid dass ich bei dir mal wieder einen solch traurigen Fall lesen musste.
    Ich hoffe innständig die Geschichte nimmt/nahm ein positives Ende.

    Liebste Grüße,
    Christina

    http://www.thenewmommydiaries.com

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  2. Huhu! Fühl dich einmal ganz fest gedrückt! Wie schlimm diese Situation für dich war, liest man aus all deinen Zeilen. Du hast dich tapfer geschlagen, toll durch gehalten, alles über dich ergehen lassen. Ich finde es sooo traurig, dass gerade in so sensiblen Lebensbereichen oft Personal arbeitet, dem leider das notwendige Feingefühl fehlt. Gerade in solchen Situationen, Angst, Schmerzen, Verunsicherung, Überforderung und dann noch Krankenschwestern oder Ärzte die, die Situation durch ihre Art noch verschlimmern. Kenn das selbst von meiner Geburt! Kopf hoch & Alles Gute

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