2. der lange Weg ins Krankenhaus – die Geburt

In meinem letzten Beitrag bin ich ja bereits bis zum Blasensprung mit der Erzählung vorangekommen. Da lag ich also zitternd vor Aufregung und Kälte im Bett, um mich herum ein großer Fruchtwassersee. Mein Freund wartete unten auf den Krankenwagen und kam schließlich in Begleitung zweier kleiner, zarter, um nicht zu sagen schmächtiger Mädels zurück. Die ältere der beiden Damen fragte mich ein paar Sachen an die ich mich mittlerweile nicht mehr erinnern kann und meinte dann sie würden jetzt den Stuhl holen. Ein wenig verunsichert merkte ich an, dass das Baby noch nicht fest im Becken sei und uns gesagt wurde das hieße, im Falle eines Blasensprungs, Liegendtransport. Nein, nein, das gehe genau so gut mit dem Stuhl, Hauptsache ich würde nicht laufen, meinte sie. Also gut, die beiden Fliegengewichte kamen also tatsächlich mit einer Vorrichtung zurück die aussah wie ein Stuhl der auf einer Bahre montiert war. Sie hievten mich auf dieses Konstrukt, ich kam mir ein wenig vor wie eine Königin in einer Mittelalterserie die auf ihrer Sänfte umhergetragen wird. Allerdings nur die ersten zwei bis drei Meter lang, danach überkam mich Grauen und Entsetzen. Meine beiden Rettungsdamen schaukelten bereits auf dem Flur massiv und ächzten unter meinem hochschwangeren Kampfgewicht von beinahe 90 Kilos. Das beste, die Treppe, stand uns aber noch bevor. An der Tür machten wir also noch einen Stopp und die Wortführerin der Zwei drückte mir meine Tasche in die Hand und erklärte ich dürfe mich jetzt bitte nur an dieser festhalten wenn wir uns nun an den Abstieg machen würden. Ganz egal wie sehr sie schwanken oder schaukeln würden, keinesfalls am Geländer oder sonst wo festhalten, denn dann würden sie tatsächlich die Kontrolle verlieren. Nach dieser ermutigenden Ansprache stiefelten die Mädels los und klammerte mich an meine Tasche. Es war entsetzlich, schlimmer als Achter- und Geisterbahn zusammen. Dennoch bewältigten die zwei tapferen Johanniterinnen die Treppen im Haus und machten vor der Türe erstmal Pause um wieder zu Atem zu kommen. Draußen wartete allerdings eine noch viel größere und vor allem steilere Treppe auf uns. Panisch erklärte ich, dass es gar kein Problem sei zu laufen, doch die Ältere meinte unter gar keinen Umständen könne sie dafür die Verantwortung übernehmen und wies ihre Kollegin an keine Pausen zu machen außer auf der kleinen Plattform, die sich auf halber Strecke befand, da sie sonst nicht in der Lage sei das Gewicht zu halten. Diese Aussage fegte auch mein letztes bisschen Gelassenheit auf und davon. Ich kniff die Augen zu, klammerte mich an meine Tasche und schickte Stoßgebete an sämtliche Gottheiten, das Universum oder was auch immer sich sonst noch in irgendeiner Art und Weise schützend einschalten konnte. Sie wackelten die erste Stufe hinab, wurden langsamer, schaukelten hin und her, die zweite Stufe und… die Hintere musste absetzen. Die Vordere stieß zwischen zusammen gepressten Zähnen ein „nicht absetzen“ hervor ich erstarrte noch mehr zur Salzsäule als ohnehin schon. So standen beziehungsweise saßen wir da als endlich mein Freund, der vorher noch mit meinem Koffer beschäftigt war sich einschaltete und sagte er könne das wirklich nicht mit ansehen und werde jetzt selbst übernehmen anstelle der Hinteren, der Jüngeren. Gesagt getan. So wurde ich die restlichen Stufen von meinem fürsorglichen auch ziemlich ins Schwitzen kommenden Freund und der Älteren, ganz schön starken Sanitäterin hinabgetragen und in den Krankenwagen befördert. Allein die Tatsache, dass sie wirklich einem unausgebildeten Menschen gestatteten zu helfen zeigt wie überfordert die beiden Damen waren. Was ja auch verständlich ist wenn man bedenkt, dass sie beide zusammen höchstens soviel wogen wie ich allein. Aber wozu gibt man denn dann am Telefon Sachen wie Stockwerke an, wenn die guten Menschen die die Einsätze planen einfach zwei kleine Mädels zu einer hochschwangeren im zweiten Stock schicken? Wie auch immer hatte dieses Abenteuer auch meine Retterinnen so aus dem Konzept gebracht, dass sie glatt vergessen hatten uns im Krankenhaus anzumelden. Dort angekommen wurde ich in einen Rollstuhl verlagert, dankte im Stillen wem oder was auch immer dafür, endlich in Sicherheit zu sein. Wir verfuhren uns nun noch ein wenig auf dem Weg zum Kreißsaal, was ich aber bereits zu diesem Zeitpunkt, vermutlich auch wegen meiner adrenalingeschuldeten Euphorie, ziemlich lustig fand. Wir wurden von einer Hebamme in Empfang genommen die ziemlich barsch fragte was das denn soll. Die Ältere setzte an zu erklären, dass ich einen vorzeitigen Blasensprung hatte, an dieser Stelle fuhr die Hebamme bereits dazwischen: „der Kopf ist fest im Becken?“ „Nein der ist noch beweglich.“ antwortete die starke Johanniterin frohgemut. „Was soll das dann?“ fragte die Hebamme und machte eine Geste in meine Richtung, „da hätte sie sich ja auch selbst ins Auto setzen können und herfahren. Liegendtransport. Wir machen sofort einen Ultraschall und …“ den Rest nahm ich nicht mehr wahr, da mir bewusst wurde, dass die furchtbare Stuhlschaukelei vielleicht tatsächlich furchtbare Konsequenzen gehabt hatte. Mir fiel auf, dass das Baby sich bereits geraume Zeit nur noch schwach geregt hatte, die Euphorie war verflogen und wurde erneut von blankem Entsetzen abgelöst. Die Hebamme beruhigte mich schnell und wir machten sofort die nötigen Untersuchungen. Alles war gut. Das Baby bei bester Gesundheit. Mittlerweile war es ungefähr halb fünf und da immer noch keine Wehen eingesetzt hatten, sollte ich mich noch einmal hinlegen, mein Freund nochmals heimfahren und in der Früh sehe man weiter. Es war zwar nicht schön nochmal allein sein zu müssen und vor allem weiter zu warten nach dieser ganzen Aufregung, dennoch schlief ich bald ein und morgens setzten tatsächlich von alleine die Wehen ein, wurden schnell stärker und um viertel vor elf betraten wir den Kreißsaal um zu bleiben. Für die Profis unter euch oder die, die es genau wissen wollen, Muttermund 3cm, die Hebamme verfrachtete mich in die Wanne zur Schmerzlinderung. Meine Erinnerungen sind sehr verschwommen aber ich kann noch nicht so lange drin gelegen Hand in Handhaben, als mein Freund erneut nach der Hebamme klingelte, da ich ihm mitgeteilt habe ich hätte das Bedürfnis zu pressen. Muttermund 9cm. Die Hebamme sagte „oh eine kleine Rakete“ und fragte ob ich mir denn eine Wassergeburt vorstellen könne, da wir es jetzt eigentlich nicht mehr rausschaffen würden. Da ich sowieso damit geliebäugelt hatte war dies völlig in Ordnung. An dieser Stelle mache ich einen kleinen Zeitsprung und nachdem unsere wunderbare Tochter geboren wurde, ich sie kurz halten durfte und in unsagbarer Glückseligkeit, zwischen den Welten schwebte, musste ich schließlich aus der Wanne steigen und mein Freund durfte zum ersten Mal sein Baby halten. Während dieser rührenden Annäherung wurde bei mir mit der Wundversorgung gestartet und diese Prozedur ist mir als mindestens genauso schmerzhaft wie die Geburt in Erinnerung. Außerdem hatten die Hebamme und die Ärztin irgendwelche Querelen miteinander was den Umgang der Ärztin mit Nadel, Faden und meinen sehr intimen, geschundenen Körperregionen nicht gerade behutsamer machte. Es war eine Tortur, dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit und ich hatte nicht das Gefühl dass die lokale Betäubung oder das Lachgas auf irgendeine Art und Weise meine Schmerzen abmilderten. Dazu ständig die harsche, kaltschnäuzige Anweisung ich solle mich entspannen. Dann wieder ein gebelltes „Jetzt halten sie still!“ Gefolgt von einem „Rutschen sie nach vorne, ich brauch sie weiter vorne!“ Ich fühlte mich schrecklich, hatte das Gefühl den Anweisungen der Ärztin nicht folgen zu können, alles falsch zu machen und zu empfindlich zu sein, es ging so weit, dass ich mich am Ende tatsächlich dafür entschuldigte Schmerzen gehabt und der Ärztin somit die Arbeit erschwert zu haben. Endlich war auch das vorbei und ich durfte mich ganz und gar meinem Mutterglück hingeben. Es fällt mir schwer dieses Glücksgefühl in Worte zu fassen. Annähernd trifft es aber Reinhard Mey in seinem Lied „die erste Stunde“ (einfach auf den Titel klicken). Ein schöneres Ende diesen Beitrages kann es ja kaum geben 🙂

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